2026-01-30 the real world Buecher 2025 Was ich gelesen habe Das Jahr ist vorbei, es ist schon fast Februar, nun kommt endlich mein Buecherrueckblick. Dies war ein seltsames Jahr, das in einer umfassenden Weise von einem einzigen Buch gepraegt war ... das Monate eingenommen hat und doch erst zur Haelfte gelesen ist. Hat es immer geheissen, ``Krieg und Frieden'' sei der Endgegner, so muss ich sagen, dass sich das fuer mich wie von alleine gelesen hat, ganz anders wie ``Das Kapital'', mit dem ich immer noch kaempfe. Es lohnt sich schon, aber es ist so unglaublich an- strengend. Dazu aber spaeter mehr. Ich habe ja doch noch ein paar mehr Buecher gelesen. 1) Michael Palin: Erebus Begonnen hat das Jahr mit diesem Buch. Ich hatte davon erfahren und mich schon darauf gefreut, bevor es als Taschenbuch erschienen ist. Als das soweit war habe ich es umgehend gekauft. Es musste nur noch warten, bis ich im Winter Zeit hatte, denn ein Buch ueber A(nta)rtikexpeditionen kann man nicht im Sommer lesen. Ich mag dieses Buch sehr. Ich mag die Geschichte, ich mag den Schreibstil, ich mag die kritische rueckblickende Betrachtung, Ich mag die Kritik an der europaeischen Ueberheblichkeit und die klare Position zur Abwertung der indigenen Oral History, ausser- dem mag ich Segelschiffe ... zugleich nimmt alles einen hoechst tragischen Verlauf. Hier ein paar gute Stellen: Dass etwas schiefgehen koennte, diesen Gedanken liess die Admiralitaet nicht zu. Sie haette es als Defae- tismus empfunden. Ihre Anweisungen erfolgten auf der Grundlage von Zuversicht und Gewissheit. [0] Im Gegensatz dazu: Rae war ein Forscher vom Schlage Amundsens und Nansens. Jemand, der den Einheimischen zuhoerte und sich abschaute, was sie trugen, assen und unternahmen, um zu ueberleben. Im Verlauf seines Lebens hatte er die Um- risse von zuvor unentdecktem Land auf 3000 Kilometer Laenge kartiert und dabei nur einen Mann verloren. Welch ein Kontrast zu der unseligen Expedition, deren Schicksal er als Erster auf die Spur kam. [1] 2) Kathrin Köller & Irmela Schautz: Queer gestreift Dieses Buch habe ich in einer Buchhandlung in Berlin gekauft. Es ist eigentlich eher an Jugendliche gerichtet, aber es bietet einen tollen Ueberblick ueber das ganze Thema Queerness. Ich finde, das ist ein guter Einstieg, wenn man bisher noch wenig Ahnung hat. Mir hat es auch einige Bereiche besser erklaert und vor allem weitere Betrachtungen und Gedanken und Erzaehlungen hinzugefuegt. Wir brauchen mehr davon! 3) Anita Burgholzer & Andreas Hübl: Rückenwind Ich war auf einem Vortrag der beiden. Dort habe ich das Buch gekauft und im Januar noch gelesen. Es ist nicht ueberragend; es ist eine weitere Geschichte einer Radreise, von denen ich mir in den letzten Jahren viele angeschaut habe. In gewisser Weise aehneln sie sich, auch wenn jede etwas andere Auspraegungen hat. Sie sind wichtige Inspirationen, um selber loszuziehen, darum geht es, denn die Erlebnisse kann man nur selber machen. 4) William Boyd: Trio im Februar habe ich diesen Roman gelesen, den ich vor zwei Jahren mal in Berlin gekauft habe. Es ist eine interessante Geschichte, kein Einheitsbrei, durchaus inspirierend. ``Es war eine richtige Offenbarung'', sagte der Colonel versonnen. ``Unter seinesgleich zu sein, unter `uns'. Ohne Hemmungen, ohne Risiken einzugehen oder einen Skandal auszuloesen. Ganz legal. Ich haette nie gedacht, dass ich das noch erleben darf.'' ``Ja, das ist schon bemerkenswert. Diese Gesetzesaen- derung, meine ich.'' ``Du solltest mal hingehen, Talbot. Diese jungen Leute -- die sind nicht so wie wir, wie unsere Generation. Es wird dir wie Schuppen von den Augen fallen. Schau ein- fach fuer ein Viertelstuendchen vorbei.'' [2] 5) Christian Kuhtz: Einfälle statt Abfälle (Lasten-Fahrräder) Ebenfalls im Februar habe ich dieses Heftchen als Belohnung fuer die Bewaeltigung von Graesslichkeiten von Almut bekommen. Wie schoen! Es sollten noch weitere folgen. Sie veraendern den Blick auf die Welt. Es ist nicht einfach, ihnen gerecht zu werden, ihre Inspiration wirkt aber. Den denkwuerdigsten Satz darin finde ich: Wer diese Hefte kauft, aber nie etwas danach baut, ver- groessert den Muellberg! Damit muss man umgehen! 6) Karl Marx: Das Kapital Dieses Buch habe ich aus der Roten Buchhandlung in Goettingen, bezahlt mit einem Geschenkgutschein von Almut und Carsten. Nachdem es fuenf Jahre rumgestanden ist, war nun die Zeit, es mir mal vorzunehmen. Dass das kein Spaziergang werden wuerde, war klar, aber dass es so anstrengend werden wuerde, hatte ich mir nicht ausgemalt: Maerz, April, Mai, Juni, Juli, Oktober, November -- sieben Monate in denen ich an dem Buch gelesen habe! Und nun bin ich halb durch. :-D Die Inhalte finde ich interessant und wertvoll. Ich lerne dabei, sowohl ueber die Geschichte der Arbeiterbewegung ... was alles erkaempft worden ist und wie das vonstatten gegangen ist ... aber auch ueber Denkweisen und Konzepte der Dinge ... wie den Unter- schied zwischen Tauschwert und Gebrauchswert, beispielsweise, oder ueber das Konzept von Mehrarbeit. Manches ist heutzutage no- chmal etwas anders wie damals, aber diese Dinge kennenzulernen ist wertvoll, um die Strukturen des Jetzt sehen und verstehen zu koennen. Schwierig finde ich besonders Marx' Schreibstil, wie er immer und immer wieder umherkreist ohne einfach mal zum Punkt zu kommen. So viel Prosa, so wenig klare Struktur; keine gedanklichen Stichpunktlisten, keine praegnanten Aussagen, sondern ein dauerndes Umherkreisen. In mancher Weise liest sich ``Das Kapi- tal'' wie die Bibel und nicht wie ein wissenschaftliches Werk ... aber nun gut, das ist wohl auch seiner Zeit geschuldet. Wenn die Inhalte der 700 Seiten auf 200 destilliert waeren, dann waere es wahrscheinlich ein gut zu lesendes Buch. Ich versuche weiter dran zu bleiben, und es mal noch abzuschliessen, auch wenn es zumeist zaeh und anstrengend ist. Besonders eindruecklich im bisher gelesenen Teil habe ich die Beschreibungen der Arbeitssituation in der Fabriken fuer Kinder und Jugendliche gefunden. Es ist nicht vorstellbar, was damals die Realitaet war: Kinder, die zwoelf Stunden in der Fabrik ar- beiten, dann zwei Stunden auf dem Gang schlafen, dann wieder zwoelf Stunden arbeiten, und dann nochmal das Gleiche! Das ist die Hoelle auf Erden! ... und die Fabrikbesitzer jammern rum, dass es ihnen so schlecht gehen wuerde und sie auf diese billigen Kinderarbeiter nicht verzichten koennten! Ich will mich gerne wiederholen: Diese Welt ist dann eine gute, wenn jeder Mensch mit jedem anderen Menschen auf der Welt freiwillig tauschen wuerde und es ihm dann ebenso gut geht. 7) Annie Ernaux: Der junge Mann Im Mai habe ich spontan dieses duenne Buechlein gelesen, das Sylke erwaehnt hatte. Es war ein etwas anderer Stil von Buch als ich sonst lese. Insgesamt sind lange Geschichten eher mein Ding; Kurzgeschichten, Sammelbaende und duenne Buechlein sind nicht so mein Fall. Ich brauche Zeit, um einzutauchen, um die Personen und ihre Umgebungen kennenzulernen, mich in sie einzufuehlen, mit ihnen zu leiden und mit ihnen Glueck zu empfinden ... und daran zu wachsen. 8) Milena Michiko Flasar: Herr Kato spielt Familie Im gleichen Zuge habe ich diesen Ausbruch aus dem ``Kapital'' genutzt, um auch noch diese Geschichte zu lesen. Irgendwie war ein Ausgleich dringend noetig. Das Buch ist schon drei Jahre bei mir umgestanden, nun habe ich es gelesen. Die Geschichte hat mir gut gefallen. Andere Kulturen schreiben andere Geschichten; das tut gut. Es ist alles in Ordnung mit uns. Manchmal streiten wir, aber nie so, dass etwas zu Bruch geht dabei. Ich hab's probiert. Hoffnungslos. Einmal hatte ich sogar einen Teller in der Hand und wollte ihn mit voller Wucht gegen die Wand werfen, doch dann, Dorama hin oder her, kam mir das billig vor, und ich weiss noch, wie ich dachte: Es waere peinlich, wenn ich danebentraefe. Und die Scherben! Was, wenn ich eine davon nicht wegkehren wuerde, weil sie so winzig sind, kaum sichtbar, aber doch schmerzhaft, wenn einer drauftritt? Obendrein ein Erbstueck. Sehr fein gearbeitet. Und ich bin froh, dass ich dann doch noch die Kurve gekriegt habe. Den Teller habe ich abgestellt. Stattdessen, nicht gerade schlau, mit einer Tomate geworfen. Und diese Sauerei! Von bloss einer Tomate! Man glaubt nicht, wie viel Saft da drin- steckt. Jedenfalls ist mir das eine Lehre gewesen. So viel Saft in etwas so Kleinem. [3] 9) Ernst Ulrich von Weizsäcker: So reicht das nicht Nach einem weiteren Monat mit dem ``Kapital'' habe ich im Juli dieses Buch gelesen, in Folge einer tieferen Beschaeftigung mit dem oekologischen Komplex. Dies war (ohne besonderen Grund) das erste Buch ... es werden weitere folgen. Ein ebenfalls eher unpopulaerer Pfad fuer die Rettung der Biodiversitaet, waere die strategische Stabil- isierung und anschliessend die Verminderung der men- schlichen Weltbevoelkerung. Die Weltbevoelkerung hat sich vom Jahr 1900 bis zum Jahr 2010 glatt vervier- facht. [4] Und: Wenn Menschen so einzigartig waren, dass sie die ganze Erde beherrschen konnten, sollten sie auch in der Lage sein, konstruktiv die Stabilisierung des Lebens auf dem Planeten zu erleichtern. [5] Ich moechte anfuegen: ... indem sie ihr Verhalten aendern. Genau genommen wuerde ich aber nicht sagen, dass wir die Erde beherrschen, wir haben nur viel zu viel Macht in Kombination mit einem Millionen Jahre alten Verhaltensprogramm. Eigentlich sind wir voellig unfaehig, bewusst zu handeln. Wir sind viel mehr von unserer Genetik beherrscht. 10) Greta Thunberg: Das Klimabuch Im Juli, August und September habe ich mich durch dieses hervor- ragende Buch gelesen. Ich bin begeistert! Es ist so gut! Ich mag, dass es in einer einfach verstaendlichen Sprache geschrieben ist. Ich mag, dass es ein so breites Spektrum von Facetten ab- deckt. Ich mag, dass die Autor_innen eine so heterogene Mischung sind. Ich mag die Menge an Wissen, die in dem Buch steckt. Ich finde auch gut, dass neben den klimatologischen und oekolo- gischen Aspekten auch gesellschaftliche angesprochen werden, da sie direkt damit verwoben sind und das Eine nicht ohne das Andere gesehen werden kann. Hier eine schoene Stelle von Disha A. Ravi im Aufsatz ``Was bedeutet dir Gleichheit?'': Die Pluenderung der Erde durch einige wenige hat uns alle an den Rand des Aussterbens gebracht. Die einzige Moeglichkeit, das umzukehren, ist, dass wir aufhoeren, die Erde zu verwuesten, und uns unsere ausbeuterische Lebensweise abgewoehnen. Wir brauchen einen Grundkurs, der uns lehrt, den Planeten zu respektieren. Wir muessen unseren Fokus vom Eigentum zur Verantwortung verschieben. [6] 11) Leonie Ossowski: Die große Flatter Im August im Urlaub (also das Klimabuch kurz unterbrechend, weil es zu schwer mitzunehmen gewesen waere) habe ich dieses Buechlein aus dem Buecherflohmarkt einer Schulbuecherei gelesen. Es ist bestimmt nicht jedermanns Sache, dieses Buch, aber wenn man damit etwas anfangen kann, dann ist es ein richtig gutes Buch, das aufzeigt wie Armut ein sich selbst festigendes System ist, aus dem kaum ein Entkommen moeglich ist. Hier ist nichts zu veraendern, hier ist nur noch zu verwalten. [7] Und: ``Aber'', sagt Adam, ``Sie koennen ihn doch nicht so wegschicken. Wenn ihn der Alte tot pruegelt?'' ``Der pruegelt ihn nicht tot, der hat seinen Sohn gern, der hat auch seine Frau gern! Nur weiss er das nicht mehr. So etwas vergisst man hier!'' ``Das ist doch Wahnsinn!'' ``Ist es auch, mein Lieber! Aber diese Art Wahnsinn -- wie Sie das nennen -- interessiert unsere Gesellschaft nicht. So etwas nennt man der Einfachheit halber asozi- ales Verhalten!'' [8] 12) Jane Heller: Liebe in kleinen Dosen September: ``Das Kapital'' macht Pause, ``Das Klimabuch'' ist durchgelesen, nun endlich mal wieder einen Roman. Diesen hatte im im Regal stehen. Er ist eine nette Geschichte ueber Ver- schiebungen im Verhaeltnis zwischen Mutter und erwachsener Tochter und alle Herausforderungen, die das (in einem problema- tischen Verhaeltnis) bereithaelt. Einiges habe ich gut auf den Punkt gebracht wiedererkannt. Teilweise ist es natuerlich ueber- zeichnet, aber dennoch naeher an der Lebenspraxis als die meisten Romane. Darum war das Buch, obgleich ich es nicht besonders gut gefunden habe, dennoch besonders. 13) Brett Scott: Cloud Money Im Oktober kam dann schon das naechste Sachbuch. Dieses habe ich von Digital Courage bekommen, an die ich seit dem Fruehjahr re- gelmaessig spende. In der Zeit, als ich das Buch gelesen habe, habe ich zufaellig auch das erste Mal einen Flyer ausliegen sehen: ``Stuttgart zahlt bar: fuer den Erhalt des einzigen freien Zahlungsmittels''. Ich setze ganz bewusst auf Bargeld: aus Datenschutzgruenden, gegen Konzernmacht und weil ich damit ein besseres Gefuehl fuer meine Alltagsfinanzen habe. Das Buch war fuer mich vor allem darin interessant, dass es den Unterschied zwischen staatlichem Bargeld und virtuellem Geld von Privatunternehmen erklaert hat, und dargelegt hat, welche Prob- leme zweiteres erzeugen kann. Wie immer profitiert man erstmal von den Vorzuegen der Konzernangebote ... solange man privile- giert ist, solange sie Interesse an einem haben ... man denkt nicht darueber nach, welche Macht man ihnen damit gibt und was es fuer benachteiligte und unerwuenschte Menschen bedeutet ... zu einem solchen man selber auch schnell werden kann. Der Staat dagegen kann vieles von dem nicht machen, was Privatunternehmen koennen (und tun), man ist bei ihm also sicherer. Natuerlich hat das einen Preis ... oder sagen wir so: es hat natuerlich Gruende, weshalb die Konzerne bequemer und billiger sind: sie verzichten auf alles was uns schuetzt ... vor Benachteiligung, vor Ueber- griffigkeit, vor Willkuer, und aehnlichem. Bevor wir Unternehmen Macht geben (indirekt dadurch, dass wir sie nutzen), sollten wir uns bewusst machen, was dabei passiert und welchen Gefahren wir damit die Tuer oeffnen. Die Auswirkungen der Gefahren zeigen sich erst wenn sie schon so maechtig sind, dass wir ihnen kaum mehr Einhalt gebieten koennen. Auch dieses Geld-Thema ist verflochten mit allem anderen: Wir verbrauchen die Ressourcen des Planeten in einem massiven, aber kurzsichtigen Expansions- und Pro- fitstreben, waehrend sich Macht immer mehr zentral- isiert und Ungleichheit sich vertieft. Alle Grosskonzerne bemuehen sich, diese Situation zu ver- schaerfen und zu beschleunigen, statt sie zu verlangsa- men. [9] Es ist alles Eines ... alles verbunden ... ein einziger Komplex. (Im Oktober und November habe ich wieder im ``Kapital'' gelesen. Fertig bin ich damit noch nicht, nun aber immerhin auf Seite 500 von 800 angekommen.) 14) Ada-Kantine: Rezepte und mehr; 5 Jahre solidarische Küche Als ich im November Anna in Frankfurt besucht habe, war ich auch mehrmals in der Ada-Kantina [10] und habe ein bisschen mitgehol- fen. Anna hat mir am Ende meines Besuchs dieses Buch geschenkt, mit Rezepten und Informationen zum Projekt. Ich bin von dieser solidarischen Kueche auf Basis von geretteten Lebensmitteln und getragen von Freiwilligen begeistert. Es war eine tolle Er- fahrung, das miterlebt zu haben. Solche Projekte brauchen wir noch viel mehr. An den Erlebnissen der Handvoll Stunden, die ich dabei war, kann ich mich gut abarbeiten und mich entwickeln. Dieses Buch ruft mir das immer wieder in Erinnerung. 15) Frauke Rostalski: Wer soll was tun? Dieses Buch, das ich in Frankfurt in der Karl-Marx-Buchhandlung gekauft habe, habe ich im Dezember gelesen. Inhaltlich habe ich meine Sicht darauf schon ausfuehrlich beschrieben. [11] Hier nun aber noch verschiedene interessante Textstellen. Begin- nen wir mit dem was das Buch vor allem ausmacht: einen Einblick in juristische Denkweisen: Ob jemand eine Verantwortung fuer etwas hat, haengt da- von ab, ob der Beitrag, der ihm abverlangt wird, tatsaechlich einen effektiven Einfluss auf das hat, was erreicht werden soll. Sprich: Sinnlose (da ineffektive) oder gar kontraproduktive Massnahmen sind nicht Gegen- stand von Verantwortung. [12] Hier eine schoen strukturierte Analyse von Bestrafung: Wer durch sein Verhalten gegen ein rechtliches Ge- oder Verbot verstoesst, kommuniziert gegenueber der Gesellschaft, dass die jeweilige in der Situation ihn konkret betreffende Norm fuer ihn nicht gilt. Er nimmt sich dabei ein Mehr an Freiheit, das ihm nicht zusteht, und stellt in diesem Umfang das Recht in Frage. Durch die Bestrafung ``antwortet'' ihm die Gesellschaft auf seine ungerechtfertigte Freiheitsanmassung und teilt ihm mit, dass er falschliegt, das Recht auch fuer ihn gilt und er daher ein Quantum seiner Freiheit opfern muss, um einen Ausgleich fuer das unberechtigt Erlangte zu erzielen. [13] Was fuer eine Schoenheit und Klarheit! 16) Ralf König: Kondom des Grauens / Bis auf die Knochen Ebenfalls im Dezember habe ich diesen Comic gelesen. Nach ``Der bewegte Mann'' (super!) und ``Pretty Baby'' (gut) wollte ich mir noch mehr von Ralf König anschauen. Diese Geschichten nun sind ein anderes Level. Der Humor ist derber, die Themen haerter, alles nicht mehr so amuesant-einfuehlend. Ich kann da schon auch noch lachen, aber es ist doch etwas ganz anderes als die anderen Geschichten. Jona hat mich zudem darauf hingewiesen, dass Sex ohne Consent gezeigt wird. Dabei man muss wohl das Alter der Geschichten beruecksichtigen, trotzdem ist das ein Defizit. 17) Elodie Font & Carole Maurel: Coming in Ein in jeder Weise wunderbares Buch (auch schon das Coverbild) habe ich direkt im Anschluss gelesen. Ich mag es sehr. Solche Geschichten wuensche ich mir noch viele mehr! ... ein Aufarbeiten von gesellschaftlicher Praegung, von Normen ... der Prozess, herauszufinden, wer man eigentlich ist ... sich zu finden ... die Angriffe und Ablehnungen sichtbar zu machen ... von den passenden Menschen aber Wertschaetzung und Zuneigung zu erfahren. Ich fuehle mich diesen Charakteren sehr verbunden. 18) David Peace: 1974 Zum Abschluss des Jahre habe ich dann noch ein Buch gelesen, das wieder in die Kategorie des ``Kondom des Grauens'' passt, bloss noch viel schrecklicher ist ... unertraelich eigentlich. Ich hatte mir nicht viel dabei gedacht, dass es als Heyne Hardcore eingeordnet war. Puh, angenehm war es nicht zu lesen, Spass hat es auch keinen gemacht ... es war voller Gewalt, voller schreck- licher Haerte ... Ganggewalt, Polizeigewalt, Vergewaltigung ... Gewalt von vorne bis hinten. Auf dem Cover steht: ``Die Zukunft des Kriminalromans'' ... Diese Worte haben mich geangelt. Ich haette besser hinten drauf den sehr zutreffenden Satz ``1974 ist eine Orgie des Blutes und der Gewalt,'' mehr beachtet, der jedoch weitergeht mit: ``gleichwohl ein gewaltiges Stueck Literatur, das von der internationalen Presse als Ereignis gefeiert und vielfach preisgekroent wurde.'' Also ich weiss nicht recht. Mit ``American Psycho'' konnte ich etwas anfangen ... da war die Gewalt aber auch nicht der Inhalt, sondern nur ein Stilmittel, um die Absurditaet zu betonen. Hier aber ist sie die Geschichte selbst ... -- schrecklich und uner- traeglich! 17,5 Buecher waren es dieses Jahr. Das halbe Buch war zugleich dasjenige, was die Haelfte des Jahres fuer sich eingenommen hat ... fuer nur das *halbe* Buch! Ich will es -- ``Das Kapital'' -- schon noch fertig lesen ... besser bald als spaet, weil ich fuerchte, es sonst gar nicht mehr zu schaffen. Alle Buecher waren auf Deutsch. Insgesamt war das Jahr gepraegt von Sachbuechern. Ganze 9 (also nein, acht ganze und ein halbes ;-) ) habe ich gelesen. Das ist die Haelfte aller Buecher dieses Jahr. Die meisten davon waren auch zu schwierigen und belastenden Themen. Dann noch ein Reisebericht, einen Comic und eine Graphic Novel. Bleiben noch 6 Romane, die auch alle irgendwie schwierig und be- lastend waren. So richtig schoene und angenehme Buecher gab es fast nicht. ``Coming in'' war eigentlich das einzige ... ``Erebus'' war aber auch toll zu lesen. Ich habe es das Jahr ueber gemerkt: Es waren zu viele anstrengende Buecher, zu viel Realitaet in den Buechern, sie waren kein Ausgleich, keine Flucht, boten keine Fantasiewel- ten. Das war nicht gut. Ich will mehr darauf achten, dass mir die Buecher gut tun, mehr einen Ausgleich bieten, leichter zu lesen sind, so dass sie entspannen. Zugleich habe ich immer noch einen ganzen Stapel Sachbuecher da liegen ... lauter gutes Zeug ueber wichtige Themen, die mich auch interessieren. Ich will dennoch darauf achten, die Balance im neuen Jahr besser hinzubekommen. Das neue Jahr hat schon ein paar Wochen begonnen und ich habe auch schon gelesen. In KW 5 bin ich schon im fuenften Buch! ... allerdings, wie ich bekennen muss, waren vier davon schon wieder Sachbuecher und nur ein Roman bisher dabei. :-O Dafuer war eines der Sachbuecher der Hammer und hat mich dermassen fuer's Lesen begeistert, dass es gerade richtig flutscht. Mal sehen, was im weiteren Jahr noch folgen wird. [0] S. 298 [1] S. 359 f. [2] S. 89 [3] S. 127 [4] S. 65 [5] S. 79 [6] S. 437 [7] S. 78 [8] S. 87 [9] S. 306 f. [10] https://ada-kantine.org [11] http://marmaro.de/apov/txt/2025-12-31_wer-soll-was-tun.txt [12] S. 13 [13] S. 23 http://marmaro.de/apov/ markus schnalke