2026-01-29 gesellschaftsanalyse Noetige Leiden die richtige Stelle kurieren Wenn man mit der Welt nicht klar kommt, wenn man leidet, so wird meist eine Therapie vorgeschlagen. Das Ziel dabei ist, besser mit der Situation klar zu kommen. In manchen Faellen ist das nicht gewuenscht. Man will gar nicht besser damit klar kommen. Extreme Beispiele machen manches klarer: Wenn man in Nazi- Deutschland gelitten hat, kann die Loesung nicht sein, nicht mehr darunter zu leiden. Die Loesung muss sein, den Nationalsozial- ismus zu kurieren. Natuerlich leiden die Menschen darunter und es geht ihnen schlecht ... es muss ihnen aber auch schlecht gehen, denn es *ist* nunmal schlecht. Darunter *nicht* zu leiden waere falsch. Somit kann eine Therapie nur dazu beitragen, die Gruende fuer das Leiden richtig zu verorten, ggf. Passivitaet zu ue- berwinden und Handlungsfreiheit zu schaffen, sie kann und darf das Leiden des Individuums aber nicht loswerden. Man muss leiden wenn Dinge falsch sind. Man muss das Problem an der Ursache kuri- eren, nicht die Auswirkungen zudecken. Das scheint oft vergessen zu werden. Die Frage ist nun, was falsch ist ... wie man das entscheidet. Der Staat kann es nicht entscheiden, denn Nazideutschland war eindeutig falsch, aber der Staat hat es richtig gefunden. Das Recht kann es nicht entscheiden, denn die Diskriminierung von Menschen ist eindeutig falsch, aber es gab und gibt Gesetze, die Menschen diskriminieren. Wenn ein einzelner Staat seltsam ist, so koennte das vielleicht die Weltgemeinschaft auffangen. Aber auch das funktioniert nicht. Die Mehrheit denkt kolonial und kapital- istisch oder kann auch repressiv sein, was alles eindeutig falsch ist. Am ehesten koennte die Wissenschaft eine brauchbare Bewer- tung bieten, jedoch hat auch die eine schwierige Geschichte hinter sich, wenn man bedenkt was alles schon als Geisteskran- kheit und Hysterie angesehen worden ist. Und es gibt keinen An- lass zur Vermutung, dass wir heute strukturell fehlerfreier waeren als frueher. Zu jedem Zeitpunkt dachte man, man wuesste es nun richtig und immer ist man spaeter widerlegt worden. Die einzige moegliche Bewertung kann demnach nur die eigene, per- soenliche sein. Niemand kann wissen was fuer mich gut und richtig ist. Niemand! Niemand kann entscheiden worueber ich berechtigt leide. (Aus einer hoeheren Logik heraus steht mir dabei nur das zu, was ich (strukturell) jeder anderen Person ebenso zubillige. Es ist also kein Egoismus, aondern Gleichberechtigung und Gesehenwerden, sowie voll Akzeptiertwerden ... Ich beanspruche nur, was ich fuer jeden Menschen fordere: dass mir wichtig ist, dass es ihm gut geht.) Probleme bei den Individuen zu kurieren ist weitgehend Pragma- tismus. Man macht es dort weil es dort einfacher ist. Die Quelle sind (in fast allen Faellen) aber nicht die Individuen, sondern das System. Das Leid und das Leiden endet wenn wir das System aendern. Wenn dagegen das Leiden ertraeglicher gemacht wird, dann wird da- durch auch das leidschaffende System ein bisschen ertraeglicher ... und besteht dadurch fort. Ich leide dann weniger, wenn die Welt besser ist. Solange sie scheisse ist, muss ich leiden, denn Leid erzeugt einen Aen- derungsdruck, der gebraucht wird. (Ich haette so vieles nie hin- terfragt, wenn ich nicht so stark darunter gelitten haette und davon verletzt worden waere.) Therapie und Heilung braucht das System, nicht das Individuum. In einer gutem Umgebung heilt das Individuum von selbst. Nachtrag: Unabhaengig von obigem Gedankengang: Menschen wollen aber auch einfach gluecklich sein und ein schoenes Leben fuehren. Wenn die Welt scheisse ist, ist das eigentlich unmoeglich. Da in dem Fall aber schlecht alle nur leiden koennen, darf man sich durchaus dafuer entscheiden, gluecklich sein zu wollen, indem man den Leidensgrund nicht zu sehen lernt. Das ist die individuelle, in gewisser Weise egoistische Sicht. Wuerde niemand diese Er- loesung in Anspruch nehmen, dann waere der Leidensdruck viel- leicht schon laengst so gross, dass sich an der Scheisse in der Welt etwas geaendert haette. Die Menschen als Gesamtheit suchen es sich ja so aus, dass eine grosse Zahl von ihnen leidet. Es ist ein Irrsinn ... und wir muessen da hinschauen anstatt die Folgen bei den Individuen zu therapieren, mit der Haltung, dass das eine Loesung waere und nicht nur Erste Hilfe! http://marmaro.de/apov/ markus schnalke